redequell

Redewendungen und Sprichwörter, jede Fassung mit Beleg

am Hungertuch nagen

Bedeutung

Bedeutungsangabe aus dem deutschen Wiktionary, CC BY-SA 4.0.

Überlieferte Fassungen

Alle Fassungen stehen gleichrangig — die Reihenfolge ist die der Quelle, keine Wertung.

Sich höchst armselig behelfen, kümmerlich leben müssen, am Nothwendigsten Mangel leiden. Frisch leitet diese Redensart von dem schwarzen Tuche ab, womit in einigen Gegenden zur Fastenzeit der Altar behangen wird, was eine Anspielung auf die um diese Zeit in der katholischen Kirche übliche Enthaltung von allem Fleische sein soll. Vielleicht ist sie aber eher von der schrecklichen Erfahrung abzuleiten, welche man an bereits begrabenen Scheintodten machte, die in der wirklichen Todesangst im Sarge das Leichentuch in den Mund steckten, um nur bald aus diesem Schreckenszustande zu kommen. – Eiselein weiss keine befriedigende Erklärung dieser Redensart. – Stöber ( Sagen des Elsasses, S. 63 ) sagt: „Im Jahre 1347 herrschte eine furchtbare Hungersnoth im ganzen Lande (Elsass) und war grosses Elend. Zur Erinnerung daran wurde das grosse Hungertuch gemacht, welches noch heutzutage von Aschermittwoch bis zum Sonntag nach Ostern über den Hauptaltar gespannt wird, um die Ornamente desselben zu verhüllen. Davon kommt der sprichwörtliche Ausdruck: Am Hungertuche nagen.“ „Dich soll lehren das Hungertuch, so man aufspannt (am Aschermittwoch vor dem Altarbilde) Abstinenz und Fasten.“ ( Geiler. ) – „ ... Den nechsten Sonntag darnach gibet man der Fassnacht vrlaub verbutzet vnd verhüllet sich aber, trinken sich voll, spielen vnd rasseln zuletzt. Alsdan folget die trawrige Fassnacht, darin essen sie (die Römischen) viertzig Tag kein Fleysch, auch nicht Milch, Käss, Eyer, Schmaltz, dann vom Römischen Stuel vnd gnad erkaufft. Da beichten die Leut nach ordnung. Da verhüllet man die Altar vnd Heiligen mit tuch vnd lässt ein Hungertuch herab, das die sündigen Leuth die Götzen nicht ansehen noch die heiligen Bilder die Sünder“ u. s. w. ( Franck, Weltbuch, CXXX a . ) – „So müssens offt am Hunger gnagen.“ ( Waldis, IV, 42, 74; Ayrer, IV, 2571, 25. ) (S. Hungerpfote.)

Wanders eigene Erläuterung, Band 2, Stichwort „Hungertuch“.

Woher der Beleg stammt

Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 2, Leipzig 1867–1880. Stichwort „Hungertuch“, Nr. 2 (von Wander als Redensart markiert).

Digitalisat: Deutsches Textarchiv, TEI-XML. Das Werk ist gemeinfrei. Wanders eigene Fundstellen stehen bei den einzelnen Fassungen.

Weitere Fundstellen bei Wander

Verwandte Sprüche aus demselben Werk — mit eigener Nummer, eigenen Fassungen und eigener Fundstelle.

Band 2, „Hungertuch“, Nr. 1

„Der hungerig Wolff muss den lären Magen mit Sand füllen, dass er gewichtig sei ein Pferd niederzuziehen.“ ( Fischart, Gesch., in Kloster, VIII, 408. )

Wanders eigene Erläuterung, Band 2, Stichwort „Hungertuch“.

Worauf sich die Bedeutungsangabe stützt

Verwandtes

Fassungen in: Lateinisch