redequell

Redewendungen und Sprichwörter, jede Fassung mit Beleg

einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul

Bedeutung

Bedeutungsangabe aus dem deutschen Wiktionary, CC BY-SA 4.0.

Überlieferte Fassungen

Alle Fassungen stehen gleichrangig — die Reihenfolge ist die der Quelle, keine Wertung.

Auch: Geschenktem Gaulo non debes inspicere maulo. Man nimmt ihn an und pflügt damit so lange es geht. Aber der Geschenke sind mancherlei: die Büchse der Pandora, das Halsband der Hermione, die Eselsohren des Midas waren auch Geschenke; und über dem geschenkten goldenen Apfel des Paris ging Troja unter. Das Sprichwort will nicht sagen, dass es uns völlig gleichgültig sein müsse, was man uns schenke, und dass man jedes Geschenk annehmen müsse, sondern es will nur ausdrücken, dass man eine geschenkte Sache so annehmen müsse, wie sie ist und wegen gewisser derselben anklebenden Mängel keine Beschwerde führen, noch weniger Gewährleistung fordern dürfe. An eine geschenkte Sache kann man nicht die Ansprüche eines Kaufmannsgutes machen. Man muss sie nicht nach ihrem Werthe, sondern nach der Gesinnung, welche sie bietet, beurtheilen. Das kleinste Geschenk ist dankenswerth. Das Sprichwort ist vom Pferdehandel entlehnt. Der Pferdekäufer öffnet das Maul des Thiers, um das Alter desselben zu erfahren. wie er überhaupt die Mängel desselben aus Zähnen, Füssen und Augen beurtheilt. Das mit dem deutschen gleichlautende französische Sprichwort: A cheval donné, on no regarde point à la bouche (à la bride) ( Lendroy, 389; Gaal, 588; Cahier, 344; Starschedel, 398; Kritzinger, 134 ), soll folgenden Ursprung haben: Calvo, ein Spanier, der in den Feldzügen gegen die Mauren Wunder der Tapferkeit gethan hatte, nahm unter Ludwig XIV. französische Dienste. Er war ein leidenschaftlicher Pferdeliebhaber. Sein Reitpferd nannte er Moncoeur. Nachdem er Mastricht gegen die Belagerung Wilhelm's III. von Oranien 40 Tage so vertheidigt hatte, dass die Belagerung aufgehoben werden musste, während Ludwig geglaubt hatte, die schwache Stadt werde sich nicht 15 Tage halten können, liess er Calvo zu sich kommen, um ihm persönlich seine Achtung zu bezeigen. Der König leitete die Unterhaltung auf die Pferde, bewunderte besonders das Reitpferd Calvo's und bot ihm zuletzt einen Tausch an. „Sire“, erwiderte der brave Krieger, „fordern Ihre Majestät meine Gattin, ich werde sie Ihnen geben, aber lassen Sie mir Moncoeur.“ – „Ventre saint gris“, unterbrach ihn der König, „Ihre Frau hat ja keine Zähne mehr.“ – „Sire“, antwortete Calvo, „einem geschenkten Gaul sieht man nicht ins Maul.“ Der König brach in lautes Gelächter aus. Diese Antwort soll nun, unzähligemal wiederholt, in ein Sprichwort übergegangen sein. Da es sich aber schon in dem dritten, im Jahre 1612 erschienenen Theile von Gruter's Florilegium (43) unter den germanischen Proverbien aufgeführt findet, so ist es jedenfalls nur eine glückliche Anwendung des bereits vorhandenen viel ältern Sprichworts. Leroux (I, 102) führt es in der Form: A cheval donné ne luy regarde en la bouche, aus einer Sammlung des 16. Jahrhunderts ( G. Meurier, Trésor des Sentences ) an; aber er weist auch nach, dass es in einer andern Fassung: Cheval donné ne doit-on en dens regarder, chose donnée doit estre louée, bereits in einer Sprichwörtersammlung aus dem 13. Jahrhundert enthalten ist.

Wanders eigene Erläuterung, Band 1, Stichwort „Gaul“.

Woher der Beleg stammt

Karl Friedrich Wilhelm Wander (Hrsg.): Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Band 1, Leipzig 1867–1880. Stichwort „Gaul“, Nr. 25.

Digitalisat: Deutsches Textarchiv, TEI-XML. Das Werk ist gemeinfrei. Wanders eigene Fundstellen stehen bei den einzelnen Fassungen.

Weitere Fundstellen bei Wander

Verwandte Sprüche aus demselben Werk — mit eigener Nummer, eigenen Fassungen und eigener Fundstelle.

Band 1, „Gaul“, Nr. 39

Band 1, „Geschenk“, Nr. 67

Band 3, „Maul“, Nr. 238

Ihrer Gnade leben müssen.

Wanders eigene Erläuterung, Band 3, Stichwort „Maul“.

Band 3, „Maul“, Nr. 357

Wie es die Mutter dem kleinen Kinde thut. Einem aus übertriebener Gunst und Zärtlichkeit die Sache zu leicht machen, der eigenen Thätigkeit zu sehr überheben.

Wanders eigene Erläuterung, Band 3, Stichwort „Maul“.

Band 3, „Maul“, Nr. 378

Worauf sich die Bedeutungsangabe stützt

Verwandtes

Fassungen in: Dänisch · Englisch · Französisch · Niederländisch · Italienisch · Lateinisch · Ungarisch